Irgendwann kam meine ältestete Tochter auf die Idee. Sie wollte unbedingt Klavier spielen lernen. Wir wollten den "künstlerischen Ambitionen" nicht im Wegen stehen und machten uns auf die Suche nach einem Klavier. In einem Inserat in der Zeitung wurden wir dann fündig. Es standen 2 Klaviere zu Auswahl. Wir haben sie uns beide angesehen. Als wir uns entschieden hatten, gingen die Probleme richtig los. Das für unsere Verhältnisse sehr teure Stück mußte irgendwie transportiert werden. Selbstverständlich in Eigeninitiative. Also mußten wir uns einen LKW besorgen. Mit Laderampe war keiner aufzutreiben, deshalb brauchten wir ein paar Helfer. Aber damals war in solchen Sachen die Nachbarschafts- und Kollegenhilfe unproblematisch. Wir hatten für den Transport, speziell das Auf- und Abladen, 5 Mann die ihre Hilfe angeboten haben.
Am Sonntag vormittag fuhr der LKW mit den fünf Mann los. Natürlich mußten es sich dabei ein paar auf der Ladeflache bequem machen, aber es waren ja nur ca. 45 km bis zum Ladeort. Decken und Tücher hatte ich ja auch in Unmengen mitgegeben, damit an das kostbare Stück ja kein Kratzer käme.
Ich weiß nicht, wie mein Mann und die restliche Mannschft das schwere Ungetüm auf den W 50 geschafft haben. Jedenfalls kamen sie gegen 11.00 Uhr wieder hier an und machten sich daran es wieder abzuladen. Sie mußten es vom LKW herunterbugsieren und dann wieder 8 Stufen die Treppe hinauf in unseren Flur. Bevor sie sich an die schwere Arbeit machten, wurde erst einmal ein ordentlicher Schluck genommen. Dann packten die Männer richtig an und brachten das gute Stück mit zweimal absetzen in den Flur. Bei jedem Mal absetzen wurde noch einmal flüssig gestärkt.
Mit viel gutem Willen und dank der vielen Tücher stand es dann endlich an seinem Platz. Jeder der 5 Männer gönnte sich auf die Anstrengung einen doppelten Nordhäuser und dann noch einen, weil man ja auf einem Bein nicht stehen kann. Der LKW Fahrer schlürfte einen Kaffee, bekam ein paar Mark in die Hand gedrückt und trollte sich.
Die anderen genehmigten sich noch einen Klaren. Wenn man dann schon so ein Klavier stehen sieht, schlägt man auch mal eine Taste an. Und noch eine! Und plötzlich erklang in voller Lautstärke das Deutschlandlied. Dank des Nordhäuser Doppelkorns fielen noch 3 Männerstimmen in voller Lautstärke ein: "Deutschland Deutschland über alles ... " klang es laut in unserem Flur. Mir wurde ganz anders und flau im Magen. Wegen dem blöden Klavier sah ich mich schon mit dem "Gesangstrio" und dem Hobbypianisten hinter Gittern. Aber die Herren waren nicht mehr zu bremsen.
Wir wohnen am Ende einer Sackgasse. Trotzdem kam von einem älteren Anwohner die etwas ironische Frage am nächsten Tag: Na, ihr wolltet wohl unbedingt ´ne Luftveränderung?
Na ja, übrigens fiel das Mittagessen an diesem Sonntag aus, nicht nur bei uns, sondern auch bei unseren Helfern. Meine Tochter hat das Klavier spielen nicht gelernt. Und ich habe mir geschworen, nie nie wieder ein Klavier zu kaufen.





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