Ich habe ihn immer noch im Hinterkopf, denWahlslogan: Wählt die Kandidaten der Nationalen Front!. Tja, was wollte man auch anderes wählen? Und zum Wahlgang wurde man ja wirklich genötigt. Wer bis 14.00 Uhr nicht gewählt hatte, der wurde persönlich von den Wahlhelfern aufgesucht. Und sehr höflich aber bestimmt darauf hingewiesen, daß man seine Stimme doch abzugeben habe. In den letzten Jahren der DDR waren die Wahlen für viele bürger ein schönes Druckmittel geworden. Brauchte Jemand eine neue Wohnung und er hatte keine Aussicht auf eine solche, dann wurde der Wahlgang verzögert. Da die Kommunen ja bei der Meldung der Wahlbeteiligung nicht abgekanzelt werden wollten, versprach man den Leuten oft die Lösung der Probleme. Und ehrlicherweise hat es wohl auch oft geklappt.
Manchmal denke ich, daß so eine Art Wahlpflicht auch heute nicht verkehrt wäre. Vielleicht muß der "mündige Bürger" dazu gezwungen werden, seine Meinung zu vertreten?!
Hatten wir freie Wahlen? Die ersten Male habe ich wie die anderen einfach den Zettel entgegen genommen und in die Urne gesteckt. Damit war der Fall erledigt. Bis ich dann auf die Idee gekommen bin, mir eine Wahlkabine von innen anzuschauen. Die armen Wahlhefer haben wohl den Schock ihres Lebens bekommen, als ich aus der Kabine wieder heraustrat und nach einem Stift fragte. Der war nämlich nicht da. Aber was solls. Mein lieber Mann fühlte sich soöidarisch mit mir und so hatten wir eine Miniwarteschlange vor der Wahlkabine. Die Augen der Wähler, die noch anwesend waren und die Wahlhelfer waren jedenfalls alle perplex.
Man sollte also nicht sagen, wir hätten nicht geheim wählen können. Man konnte schon, mußte es sich aber trauen. Wenn man mit den Vorschlägen auf dem Zettel nicht einverstanden war, hätte man die entsprechenden Namen streichen müssen und eigene dazuschreiben können. Möglich wäre es gewesen. Gemacht hat es so gut wie keiner, aus Angst vor Repressalien oder aus Bequemlichkeit.
Ich muß sagen, daß mein Besuch der Kabine keine negativen Folgen für mich hatte.

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